Unser MGV
Tradition & Zukunft im Jubiläumsjahr
Mit Stolz können wir auf unsere nun 100jährige Geschichte zurückblicken. Mit Freude erfüllt uns die Tatsache, dass unser Chor in dieser Stärke existiert, wohlwissend, dass es viele Andere nicht mehr gibt. Dennoch fragen wir uns wie es weiter geht?
Warum treffen sich seit nunmehr 100 Jahren jeden Montagabend mehr als 30 Männer in einem Gasthaus in Stockstadt und gruppieren sich um ein Klavier um gemeinsam zu singen? Sind diese Herren schon alle 100 Jahre alt? In all den Jahren ging es diesen Männern um den Spaß und um die Freude beim Singen in der Gemeinschaft!
Jeden Montag erleben diese Männer, wie aus einzelnen Stimmen in der Gruppe plötzlich ein Ton und daraus ein Klang entsteht. Man teilt sich auf in 4 Gruppen und bildet mit jeweils etwa 8 Mann eine Stimmlage. Innerhalb dieser Stimmlagen singen alle gleich. Durch das zusammenfügen der 4 Stimmlagen entstehen dann Klänge und Harmonien, die zu einer Melodie werden. Keiner dieser Männer war je ein Künstler oder Star, alle waren und sind Hobbysänger.
Was ein Chorleiter macht ist vielen in der Bevölkerung fremd, obwohl der Unterschied zu Trainern im Sport nicht groß ist. Chorleiter sind Profis im Schaffen von Tönen, Klängen und Harmonien. Sie sind Motivatoren und Lehrer einer Gruppe, die sich Chor nennt. Ihr Ziel ist es, einen optimalen Klang zu erreichen und damit Begeisterung beim Publikum zu erzeugen.
Demnach ist vieles in den 100 Jahren so geblieben wie es war:
Wir singen unter Männern, wir haben einen Chorleiter und ein Klavier. Wir erleben gemeinschaftliche Erfolge, wir erleben, wie sich alle Sänger auf den Chorleiter konzentrieren. Wir erleben wie aus den vielen Individuen ein Klangbild entsteht, wir freuen uns gemeinsam über den Applaus des Publikums.
Was aber hat sich in den 100 Jahren verändert?
Die Literatur: Es wurde früher in Familien sowie bei Feiern in Gruppen gesungen. Aus dieser Zeit stammt das Volkslied. Was ist eigentlich ein Volkslied? „Das Volk singt“, will sagen „jeder kann Singen“. Heute wirken die oft romantischen Texte befremdlich auf uns, denn wir leben nicht mehr so intensiv mit der Natur, unser Leben ist urbaner geworden. Gerade in jüngster Zeit gibt es viele gute neue Literatur, die in die Zeit passt. Es bleibt aber eine Herausforderung, diese von aktuellen Hits abzugrenzen. Denn oft sind diese scheinbar einfachen Songs nur mit aufwändiger instrumentaler Begleitung zu singen und verlangen nach langen intensivem proben. Das Volkslied ist dagegen einfach zu singen, denn es war für das Volk auch komponiert. Diesem Spagat stehen alle musiktreibenden Vereine gegenüber.
Die Gesellschaft: Gesellschaftliche Veränderungen sind überall spürbar, zum Beispiel in der Gastwirtschaft. Warum hängte ein Wirt ein Schild neben seine Eingangstür „Vereinsheim des MGV“? Das war die beste Werbung für Ihn. Wo man singt da lass dich ruhig nieder – schlicht - da ist was los, da ist man gut gelaunt. Hat sich das geändert? Wenn irgendwo gesungen wird, dann kommen auch heute Menschen dazu und wollen sehen was da los ist. Allerdings sind es die meisten Menschen nicht mehr gewohnt, selbst zu singen, die Musik und der Gesang kommen in der Regel aus einem Gerät. Auch die Gastwirtschaft oder den Gastwirt gibt es nur noch selten. Außerdem sehen heute viele Menschen eine Gemeinschaft als Verpflichtung an, nicht mehr als Erlebnis oder als Chance; denn die Erfahrung eines gemeinsamen Erfolges in der Gruppe kennen Sie nicht.
Die Sänger: Gerade für Männer war das Singen eine weit verbreitete Freizeitbeschäftigung. Körperliche Arbeit gab es ausreichend, da war eine musische Freizeitgestaltung gerade recht. Heute ist es modern zu sagen „ich kann nicht singen“ oder auch „ich will mich nicht binden“. Männer die singen brauchen heute ein gutes Selbstvertrauen, denn deren Hobby ist sehr außergewöhnlich. Wer bei uns mitmachen möchte braucht oft viel Geduld, weil er seine Stimme zum Singen noch nie zuvor eingesetzt hat.
Die Menschen: Unser Verein hat eine lange, ereignisreiche und gut dokumentierte Geschichte (siehe Chronik). Das Bild des alten Mannes im Chor der vor allem Traditionen verbunden ist gilt für die allermeisten unserer Sänger nicht. Vielmehr wurden vorausschauende Visionäre gebraucht die den Verein maßgeblich prägten. Folgende Namen seien hier nur beispielhaft genannt. Sie alle waren und sind uneigennützig für den Verein da. Sie alle hatten und haben Visionen und den inneren Drang etwas ganz besonderes für den Verein zu tun. Sie alle hatten und haben Spaß an der Geselligkeit in unserer Gemeinschaft.
Am 21.01.1921, kurz nach dem 1.Weltkrieg führten Reparationszahlungen zu einer rasenden Inflation. Wirtschaftliche Not und Arbeitslosigkeit waren die Folge. Dennoch gründeten 18 meist junge Männer im „Goldenen Stern“ den MGV. Immerhin gab es damals im kleinen Stockstadt bereits 2 Männerchöre, den „Frohsinn“ und den „GV Sängerbund“.
Heinrich Henninger wurde Vorsitzender und Ludwig Jung (Musiklehrer aus Gernsheim) war der erste Chorleiter, man startete mit 31 Sängern.
Gustav Koehler ergriff die Initiative nach dem 2. Weltkrieg den Verein wieder zu beleben. Am 20. Januar 1953 leitete Hans Popp die erste Singstunde im „Goldenen Stern“.
Unter der Leitung von Herbert Klenk (1965 -1973) wurde 1969 ein sehr junger ambitionierter Chorleiter aus Wolfskehlen engagiert. Gerhard Klett damals 31 Jahre jung als man mit Ihm den Einstieg in Stockstadt wagte.
In der Scheune von Heinrich Herbert wurde 1974 erstmals Papier gesammelt, damals zur Finanzierung eines Schlachtfestes. Seitdem hat der Verein 21 Jahre lang, 4 mal jährlich Samstagvormittags im ganzen Ort Papier gesammelt. Dies war zwar viel Arbeit für die jungen Männer aber damit wurde eine solide finanzielle Basis für den Verein geschaffen. Erst 1995, mit Einführung der Papiertonne, war dies nicht mehr möglich.
Winfried Richarz steht für viele stets auch attraktive Veranstaltungen in der Altrheinhalle die in dieser sehr aktiven Zeit nur mit einer professionellen Vereinsführung machbar waren. Unter seiner Führung (1974–92) gab es Lumpenbälle, Sängerbälle sowie Konzerte u.a. mit Orchesterbegleitung. Seitdem werden im 2jährigen Rhythmus tolle Ausflüge für die Sänger organisiert.
Es gibt auch eine Frau die Visionär für unseren Verein war, Renate Vogel. Mit Ihr verbunden bleibt „der Fährmann vom Kühkopf“. Von 1998 bis 2006 war dieses historische Singspiel, das im Schafstall auf dem Kühkopf aufgeführt wurde, ein Publikumsmagnet, in dem sich Schauspiel und Chorgesang abwechselte.
34 Jahre lang hat Gerhard Klett unseren Chor geleitet (1969-2002). Ein außergewöhnlich langer Zeitraum in dem der Chor seine größten Erfolge erleben durfte: Wir wurden der Männerchor im Kreis. Wir haben es gewagt, zu Gesangswettbewerben zu gehen und haben Preise abgeräumt, ein Doppelquartett wurde etabliert und der Fährmann vom Kühkopf wurde Dank seiner musikalischen Unterstützung ein großer Erfolg. Er war die Leitfigur, der Trainer und Motivator.
Andreas Demmel hat den Chor nach dem Ausscheiden von Gerhard Klett übernommen und 8 Jahre lang musikalisch geführt. In dieser Zeit sind neue Veranstaltungsformen entstanden, die an interessanten und werbewirksamen Orten durchgeführt wurden. Beispielhaft sei genannt: „Mona Lisa“ in der Begegnungsstätte, „the Battle“ im Schafstall, „Gounod“ in der evangelischen Kirche, „Mann oh Mann“ in der Schatzinsel Kühkopf.
Mit Alexander Wehrum hat nun seit 2017 ein Musiker aus Gernsheim die Chorleitung inne.
Als Bandleader ist er in der Region gut bekannt und weiß mit welcher Musik er sein Publikum begeistert. Mit Ihm binden wir nun unser Publikum erfolgreich in unsere Veranstaltungen ein. In der Corona Krise hat er uns digitalisiert und wir proben online.
Bisher konnten wir eine Chorstärke von etwa 35 Sängern beibehalten, das heißt Abgänge durch neue Sänger ersetzen. Auch wenn dies immer nur Schritt für Schritt oder Mann für Mann möglich war, es ist gelungen. Dennoch fragen wir uns, ob unsere Aktivitäten ausreichen um auch in Zukunft genügend neue Sänger zu gewinnen. Männerchöre haben ein Image, das für junge Menschen zunehmend unattraktiv erscheint. Unser Verein als Organisation macht Werbung mit Aktionen wie „Mennerchor“ oder „Wir suchen Frauen“. Die Gewinnung von neuen Sängern verlangt aber letztlich den persönlichen Einsatz eines jeden von uns. Wer, wen nicht WIR kann dafür sorgen, das unser Chor und unsere Gemeinschaft auch außerhalb des Vereins positiv wahrgenommen wird. Dies ist eine herausfordernde, aber gewiss nicht aussichtslose Aufgabe die vor uns liegt.
Klaus Bäder

